Pfalzgraf Johann. Darstellung Mitte 15.Jh

5. Pfalzgraf Johann "flagellum Hussitarum", die Hussitengeißel

Herrscher des Teils der Oberen Pfalz, der am meisten unter der hussitischen Bedrohung zu leiden hatte, war - wie gesagt - Pfalzgraf Johann. Er soll hier vorgestellt werden. 1400 wurde der deutsche König Wenzel aus dem Hause Luxemburg in einem sensationellen Verfahren wegen Vernachlässigung seiner Herrscherpflichten von einem Teil der Kurfürsten abgesetzt. Zum Nachfolger wählten sie einen Wittelsbacher, nämlich Pfalzgraf Ruprecht, der bis 1410 lebte. Johann, der zweite Sohn dieses deutschen Königs, war 1383 in Neunburg vorm Wald geboren worden. Seine Mutter war eine Hohenzollern.

Johann mußte von 1404 bis 1410 das Kurpräcipuum regieren, das waren die Gebiete, die zur Kurpfalz gehörten und in der Oberen Pfalz lagen. Von Räten unterstützt waren es Lehrjahre im Regieren für den jungen Pfalzgrafen. Ruprecht liebte - nach alter Legende - von seinen Söhnen Johann am meisten, dies schloß aber nicht aus, daß er sich, was sein Erbe anbelangte, korrekt und den Regeln der Zeit gemäß verhielt: Der ältere Sohn, Ludwig III. (der Bärtige), erhielt den Löwenanteil: Die Kurpfalz mit der Kurwürde und die Gebiete in der Obern Pfalz, die von Amberg aus regiert wurden. Johann erbte die Hauptmasse der pfälzischen Gebiete in der Oberpfalz. An Stephan, den dritten der Brüder, ging Simmern-Zweibrücken. Der jüngste der Söhne, Pfalzgraf Otto, bekam die Herrschaft Moosbach. Die Herrschaft Johanns bestand aus zerstreuten Gebieten, die von der böhmischen Grenze bis vor die Tore Nürnbergs reichten und von Bärnau bis Regensburg.

Die Politik Johanns war von folgenden Leitlinien geprägt: Erstens vorbehaltlose Unterstützung des Königs Sigismund, der seinem Vater als König gefolgt war; diese Unterstützung erfolgte, trotzdem der Luxemburger (der zugleich König über Ungarn und Böhmen war) als Herrscher zunächst nicht allgemein anerkannt wurde. Zweitens Kampf gegen die Hussiten; dieser Kampf dürfte den größten Teil Johanns Energie gekostet haben. Drittens Vergrößerung und Abrundung seiner Macht; da es dabei auch um das Durchsetzen vermeintlicher oder tatsächlicher Rechtsansprüche dem älteren Bruder gegenüber ging, und da Ludwig den Ehrgeiz Johanns fürchtete, herrschte ständig Spannung zwischen den beiden. Überhaupt ging Johann beim Abrunden seiner Macht - dem Brauch der Zeit gemäß - nicht zimperlich vor; dennoch hielten sich bei Johann die zeitüblichen Fehden um eine "Handvoll Erde" in Grenzen. Seine Aufgaben führte Pfalzgraf Johann von wechselnden Residenzen aus durch: Sulzbach, Neumarkt oder Neunburg.

Ehe und Liebe
Aus dynastischen Gründen heiratet Johann 1407 Katharina, die um 1390 geborene Tochter des Herzogs von Pommern-Stolp. Sie starb 1426. Ein Sohn aus dieser Ehe, Christoph, sollte später König der skandinavischen Reiche werden.

1428 heiratete Johann ein zweites Mal, diesmal die fünfundzwanzigjährige Beatrix von Bayern-München.

Was verbirgt sich hinter diesen kalten Daten? Es spricht vieles dafür, daß die Ehe Johanns mit Katharina glücklich war, obwohl sie von "Politikern" gestiftet worden war. Die Eheleute hatten sechs Kinder(von denen allerdings nur Christoph das Erwachsenenalter erreichte). Von beim Hochadel dieser Zeit nicht selten zu hörenden Liebschaften oder Bastarden ist nichts zu hören. Katharina sollte und wollte ursprünglich in ein Birgittenkloster eintreten, da dies durch ihre Ehe nicht mehr möglich war, stiftete Johann das Birgittenttenkloster Gnadenberg; er hätte sich sicherlich von den hohen Kosten drücken können, aus Liebe zu seiner Frau führte er das für sein kleines Fürstentum überaus teuere Unternehmen aber zu Ende.

Auch seine zweite Ehe scheint von Zuneigung oder Liebe geprägt gewesen zu sein. Beatrix stammt aus dem Münchner Zweig der Wittelsbacher, sie war die Schwester jenes Herzogs Albrechts, der heimlich Agnes Bernauer heiraten würde. Beatrix hatte 1424 etwa einundzwanzigjährig Hermann III. von Cilli geheiratet, damit wurde sie Schwägerin des deutschen Königs Sigismund. Denn der war mit der Schwester ihres Mannes, Barbara von Cilli, verheiratet, die schon zu Lebzeiten von den Habsburgern verleumdet worden war, und deren Ruf unberechtigterweise auch in der heutigen Geschichtsschreibung noch "schillernd" ist. Die Cillis waren ein aufstrebendes Adelsgeschlecht aus Untersteier, das sich durch Treue zum deutschen Herrscher auszeichnete. Ihr Wappen ist heute noch im Staats-Wappen von Slowenien zu finden.

Schon 1426 war Beatrix Witwe geworden. Johann und Beatrix waren also beide verwitwet, dynastische Vorteile bei einer Eheschließung sind wenige zu erkennen, beide kannten sich, es handelte sich bei ihnen also nicht um eine "dynastische Zwangsehe", sondern sie scheinen aus freiem Entschluß 1427 die Ehe eingegangen zu sein.

Wir sind heute gewohnt, das Drama der Agnes Bernauer aus deren Sicht zu bewerten. Deshalb befremdet es uns, Beatrix als eine Gegnerin der bürgerlichen Schwägerin und als harte Mahnerin ihres Bruders Albrecht zu sehen. Was mag die Pfalzgräfin zu dieser Strenge bewogen haben? 1425 war der letzte Sraubinger Herzog (ein Wittelsbacher) ermordet worden, der Straubinger Erbfolgestreit folgte und wurde erst 1429 beigelegt. Die Münchner Wittelsbacher erwarben den besten Teil aus der Straubinger "Erbmasse". 1432 oder 1433 heiratete Albrecht die bürgerliche Agnes, die Kinder aus dieser standesungleichen Ehe durften nach damaligem Recht nicht Herzöge werden; die - wenn auch heimlich geschlossene - Ehe zwischen Agnes und Albrecht konnte von der Kirche aber auch nicht mehr geschieden werden. Wer sollte Erbe werden? Den nächsten Kräfte und Blut kostenden Erbstreit unter den Wittelsbachern konnte Beatrix also absehen. Auch den Justizmord an der Bernauerin wird sie vorausgeahnt haben: Friedrich, der Bruder ihres ersten Mannes, hatte sich ebenfalls in eine morganatische Ehe mit Veronica von Deschnice eingelassen. Die Cillis lösten 1425 das Problem in einem mit einem Justizmord endenden "Hexenprozeß", der den Wittelsbachern dann als "Anleitung" für das Verfahren gegen die Bernauerin diente. Dies alles mochte Beatrix dazu bewegen, zu versuchen, ihren Bruder "zur Vernunft" zu bringen. Trotz dieser strengen Kritik aus der Oberpfalz versuchte Albrecht aber, seinen Schwager Johann gegen die Hussiten zu unterstützen.

Treue, Tapferkeit, Ehre und Jähzorn
Die Treue war im Mittelalter eine hoch angesehene Tugend, in der Theorie jedenfalls; in der Praxis war das Wechseln der Fronten gerade bei Adligen eher gängig. Bei den häufigen Fehden, bei der Möglichkeit, durch die Unterstützung eines anderen Fürsten größere Vorteile zu erlangen als bisher, und durch rechtzeitiges Imstichlassen eines Mannes, bei dem sich der Niedergang ankündigte , konnte man geschickt hin und her taktieren. Nicht so Johann: Er und die Cillis blieben dem Luxemburger Sigismund (der später Kaiser wurde) treu - auch in dessen finsteren Tagen. Allerdings ergaben sich für Johann auch handfeste Vorteile, so etwa wenn ihm der Kaiser Unterstützung gegen seinen Bruder Ludwig zusagte.

Johann galt als tapfer. Er war einer von denen, die gerade in ausweglos scheinenden Situationen die Ruhe bewahren und über sich selbst hinauswachsen konnte.

Für den mittelalterlichen Adligen heißt Ehre vor allen Dingen Großzügikeit, Reichtum und Ansehen. So erstaunt es nicht, daß Johann seine Erfolge der Nachwelt überliefern wollte. Sein größter militärischer Sieg war der Sieg über die Hussiten in der Schlacht bei Hiltersried. Im Louvre in Paris ist einer der ersten deutschen Kupferstich mit dem Titel "La grande bataille" (Die große Schlacht) erhalten. Er wurde um 1435 in Regensburg gestochen, kam über die jüdische Familie Rothschild von Nürnberg nach Paris, dort in den Louvre. Erst 1992 stellte ein Kunsthistoriker wieder fest, daß es sich bei dieser "großen Schlacht" um die Schlacht von Hiltersried handelt. Johann ließ also seinen Ruhm in dem damals modernsten Vervielfältigungsverfahren künden.

Getrübt wird das Charakterbild Johanns von seinem mehrfach überlieferten maßlosen Jähzorn. So schleuderte er zum Beispiel bei der Schlacht von Tachau den adligen Mitstreitern die päpstliche Fahne vor die Füße, weil er sich über deren Neid ärgerte. Eine ungeheure Geste zu dieser Zeit: die Fahne im Dreck.

Sein Glaube und die Hussiten
Johann wird ähnlich gedacht haben wie sein König. Sigismund hatte die hussitische Bewegung zunächst nicht ohne Sympathie beobachtet. Auch die Hussiten deckten Fehler auf, die der König im Konstanzer Konzil behandelt sehen wollte; der Herrscher beabsichtigte sogar zunächst, mit Jan Hus an seiner Seite auf dem Konstanzer Konzil zu erscheinen. Sigismund wollte die Kirche erneuern. Johann wird ähnlich gedacht haben. Mit der Gründung des Birgittenklosters zeigt er sich auf der reformfreudigen Seite der Kirche. Doch sind auch Unterschiede zum Denken seines Herrschers zu erkennen: Der Luxemburger dachte bei seinen Maßnahmen in Sachen Kirche wohl eher politisch, nämlich an die Einheit seines Reiches, Johann handelte aus tiefer Gläubigkeit. Immer wieder wird dies berichtet; er betete wie ein Priester, legte sich aus Demut mit ausgebreiteten Armen vor den Altar und damit vor Gott nieder.

In Konstanz wurde ein Allgemeines Konzil der Christenheit zur obersten Instanz der Kirche erklärt. Nachdem diese Instanz Hus verurteilt hatte, noch mehr aber, als die hussitische Bewegung gewaltsame revolutionäre Züge annahm, und die Hussiten sein Territorium bedrohten, wurde Johann zum Gegner der böhmischen Bewegung. Er ließ den Freund des Jan Hus, Hieronymus von Prag, festnehmen. Er beteiligte sich an allen Heer- und Kreuzzügen nach Böhmen. Nur 1422 meldete er sich vom Kampf um die Burg Karlstein ab, weil er in die Obere Pfalz zurückkehren musste: Die ritterlichen Horden des Bischofs von Würzburg nämlich waren nicht mit dem Kreuzzugs-Heer nach Böhmen geritten, sondern zogen statt dessen raubend und mordend durch das Land und mussten vertrieben werden. Und Johann war der einzige, der die Hussiten mehrfach besiegte: Beim Entsatz von Bischofteinitz 1422; 1426 errang er bei Klattau einen Erfolg; 1427 verhinderte er bei Bernau nach der verlorenen Schlacht von Tachau eine Katastrophe; 1429 schlug er ein Hussitenkontingent zurück, das bis vor Neunburg vorgedrungen war; 1433 besiegte er die Hussiten bei Hiltersried; 1434 war er daran beteiligt, den Belagerungsring vor Pilsen zu durchbrechen, um die Stadt zu versorgen. Man gab ihm den Beinamen "Die Hussitengeißel." Dennoch war Johann einer der wenigen, der sich für einen Kompromißfrieden mit den Hussiten aussprach.

Den Tod erwarten
Als es ans Sterben ging, begab Johann sich in das Kloster Kastl, um wohl vorbereitet und mit seinem Gott versöhnt den Tod zu erwarten. Er starb dort am 14.März 1443. Beigesetzt wurde er in der Georgskirche zu Neunburg vorm Wald. Ein Teil der schlichten Marmorplatte, die sein Grab bedeckt hatte, ist heute an der Südseite der Kirche (jetzt Josefskirche) angebracht. Ihm zu Ehren wurde noch 1983, anläßlich des Pfalzgraf-Johann-Jahres in dieser Kirche ein Gedenkstein gesetzt. Beatrix überlebte ihren Gatten um vier Jahre. Sie wurde im Kloster Gnadenberg beigesetzt, wo schon Katharina beerdigt worden war.
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